Not macht erfinderisch - Wie wir die Jugendlichen nicht im Stich lassen.

Not macht erfinderisch - Wie wir die Jugendlichen nicht im Stich lassen.


# Aus der Jugendarbeit
Veröffentlicht von Uwe Graßmann am Montag, 23. März 2020, 00:00 Uhr
© Uwe Grassmann

Von Uwe Grassmann. Die Umstellung in den „Home-Office Modus“ ist erfolgreich gestartet und die Kinderkrankheiten der ersten Online-Video-Konferenzen gehören bereits der Vergangenheit an. Menschen sind Gewohnheitstiere heißt es so schön und es kommt mir vor, als hätte ich nie etwas anderes gemacht. Vorbei der Sturm von über hundert Kindern und Jugendlichen täglich, die unentwegt von morgens bis abends um einen herumrennen, toben, schreien, streiten und spielen. Vorbei sind die Unruhe, die Hektik und die permanenten Unterbrechungen in Gesprächssituationen durch neugierige und wissbegierige junge Menschen. Keine hektische Betriebsamkeit und kein Gedränge mehr, am Mittagstisch und im Hausaufgabenraum um die begehrtesten Sitzplätze. Es ist ruhig! Ich könnte jetzt sagen: „Endlich!“.

Hat man sich nicht an so manchen Tagen diesen jetzigen Zustand gewünscht?! Ich mache diesen Beruf, der für mich meine Berufung ist, jetzt seit über 25 Jahren. Ich habe früher mit Jugendlichen in Jugendeinrichtungen, Heim- und therapeutischen Wohngruppen gearbeitet. Ich habe mit Intensiv-Straftätern gearbeitet und das Ziel verfolgt, die Mehrheitsgesellschaft vor den destruktiven Verhaltensweisen dieser jungen Leute zu bewahren. 24 Stunden rund um die Uhr. Manchmal 48 Stunden am Stück mit wenig Schlaf. Tag und Nacht - an Wochenenden, Feiertagen, Ostern, den Weihnachtstagen und an Silvester. Dann vor 15 Jahren führte mich der Weg ins Pestalozzihaus. Weg von den schweren Fällen, hin zu Freude, Optimismus und zuversichtlichen jungen Menschen, die ihre Zukunft noch vor sich haben. Hin zu denen, die - so dachte ich zumindest - weniger Probleme mit sich bringen und im besten Falle eine ganz „normale“ Jugend verleben. Aber ich sollte mich täuschen! Denn die Kinder- und Jugendeinrichtung Pestalozzihaus bildet einen sehr guten Querschnitt der Gesellschaft ab. Hier sind sie alle vereint, die Kinder- und Jugendlichen, die Eltern haben und denen es an nichts mangelt. Diejenigen, die die verschiedenen Unwegsamkeiten des Lebens schon kennengelernt haben, und diejenigen, für die das „PH“ und wir Mitarbeiter ein wichtiger Leuchtturm in der stürmischen Brandung sind, wie es normalerweise eine eigene Familie wäre.

Ja, jetzt ist Ruhe!

Man kommt etwas zur Besinnung, kann sich hervorragend auf den gesamten „Verwaltungskram“ konzentrieren und Aufgeschobenes endlich ohne größere Ablenkung bearbeiten. Meine eigenen kleinen Söhne schauen mich seit Tagen verwundert mit großen Augen an. Sie kennen Papa so nicht. Stundenlang, sitzend zu Hause vor dem PC. Und trotzdem fehlt da etwas. Ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist. Es ist, als hätte ich meine Jugendlichen verraten. Sie zurückgelassen. Jetzt, wo da draußen alles drunter und drüber geht. Jetzt, wo es eng wird. Jetzt, wo die Ellenbogengesellschaft im Supermarkt ihr egoistisches Gesicht zeigt. Jetzt, wo es ganz viele Kinder- und Jugendliche gibt, die uns brauchen, für die wir sehr wichtig sind. Jetzt, wo viele uns am nötigsten bräuchten, sitze ich hier zu Hause vor dem PC. Ein teilweise unerträgliches Gefühl! Nicht da sein zu können, wo man vielleicht gerade jetzt wieder gebraucht wird. Aber, mit diesem Gefühl wollte sich (Gott sei Dank!) keiner von uns Mitarbeitenden zufrieden geben - geschweige denn abfinden. Und somit haben wir spontan eine digitale Jugendeinrichtung eröffnet. Innerhalb von wenigen Tagen, haben wir von manuell auf digital umgeschaltet. Um den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Um doch irgendwie erreichbar zu sein. Täglich! Die Mitarbeitenden für die „Kids“. Die „Kids“ untereinander und die Mitarbeitenden in ihren Teamkonferenzen etc. Wir sind sprichwörtlich vernetzt. Online – mit Bild und Ton! Das hilft, das tröstet und es ist wichtig! Es bringt Licht in die Dunkelheit! Wir sind alle nicht allein!!!