Andacht zum Karfreitag

Andacht zum Karfreitag


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Stefan Kläs am Donnerstag, 9. April 2020, 17:28 Uhr
© Foto von Aa Dil von Pexels

Von Stefan Kläs. Karfreitag. An diesem Feiertag gedenken wir Christen der Kreuzigung und des Todes Jesu. Im Neuen Testament gibt es unterschiedliche Deutungen des Todes Jesu. In all‘ ihrer Unterschiedlichkeit widersprechen sie einander aber nicht, sondern stimmen darin überein, dass sie sagen:

Dieser Tod Jesu kommt uns Menschen zugute.

Eine dieser Deutungen des Todes Jesu stammt von Paulus. Er hat sie in seinem Brief an die Korinther entfaltet; dort schreibt Paulus:

 

„Ich bin gewiss: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat.

So treten wir nun als Gesandte Christi auf, denn durch uns lässt Gott seine Einladung ergehen. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Den, der von keiner Sünde wusste, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ (Die Bibel, 2. Korinther, Kap. 5)[1]

 

Der Tod Jesu kommt uns zugute. Das Wort, mit dem Paulus diese Wirkung beschreibt, heißt Versöhnung. Gott ergreift die Initiative und richtet das heillos zerrüttete Verhältnis zwischen den Menschen und sich selbst wieder auf.

Paulus schreibt diese Worte als Jude. Das Stichwort Versöhnung gehört bis heute auch im Judentum zu den zentralen Begriffen, die das Verhältnis Gottes zu seinem Volk, zu seiner Gemeinde, beschreiben. Indem Gott Versöhnung wirkt, schafft er den Menschen die Möglichkeit, vor ihm zu leben, auch als solche, die Schuld auf sich geladen und gegen seine Gebote verstoßen haben.

 

Ein Missverständnis bedroht das angemessene biblische Verständnis von Versöhnung. In der Vergangenheit wurde Versöhnung immer wieder so verstanden, als hätten wir Menschen die Aufgabe, Gottes Zorn zu besänftigen, indem wir uns wohlverhalten, das heißt besonders moralisch oder religiös leben.

Doch im Zentrum des paulinischen Denkens über Gott stehen weder Gottes Zorn noch unsere Leistung, sondern Gottes Barmherzigkeit und unser Vertrauen. Gott schafft einen Ort, an dem wir auch als schuldbeladene Menschen leben können. Dieser Ort heißt „in Christus“. So umschreibt Paulus das Leben der Getauften, die Gott vertrauen, weil er neue, eben versöhnte Menschen aus uns schafft.

 

Wie bekommen wir Anteil an dieser Versöhnung, wie spüren wir etwas davon?

In unserem Leben sind wir ja tagtäglich mit Unfrieden und mangelnder Versöhnung konfrontiert. Es fehlt ja gerade oft an Versöhnungsbereitschaft, im politischen Leben, aber natürlich auch im privaten. Beziehungen zwischen Staaten können ebenso zerrüttet sein wie zwischen Eheleuten oder Arbeitskolleginnen. Da erscheint die Frage, ob wir mit Gott versöhnt sind, vielen Menschen als sekundär. Ist das also überhaupt noch eine relevante Frage? Nach meiner festen Überzeugung ist diese Frage nach unserer Versöhnung mit Gott die entscheidende Frage auch für unsere Versöhnungsbereitschaft und Friedensfähigkeit im Alltag. Gott schaut uns an und wirkt in seiner Barmherzigkeit an uns, als ob wir uns niemals irgendeine Verfehlung, irgendeine Schuld auf uns geladen hätten. Es ist offensichtlich, dass wir immer wieder Schuld auf uns laden. Keiner kann sich selbst davon freisprechen. Dennoch steht diese Schuld nicht zwischen Gott und uns. Sie spielt in unserem Verhältnis zu Gott keine Rolle mehr. Darum vollzieht die Botschaft von der Versöhnung den ultimativen Abschied vom Bild des drohenden und strafenden Gottes.

 

Heinrich Heine, den ich aus vielen Gründen verehre, hat auf seinem Sterbebett vom versöhnenden Gott gesagt: „Dieu me pardonnera, c'est son metier.“ (Gott, wird mir vergeben, das ist schließlich seine Aufgabe.) Dieser Satz klingt banaler, als er wohl von Heine gemeint war. Denn die Bedeutung von Gottes versöhnendem Wirken unter uns Menschen kann nur ermessen, wer die Größe menschlicher Schuld erahnt.

Wer die Pressekonferenzen mancher populistischen Politiker zur Corona-Pandemie sieht und ihre Lügen und Verharmlosungen anhört, die menschliches Leid verursachen und Leben kosten werden, der ahnt, wie groß menschliche Schuld in diesen Tagen sein kann. Gottes Versöhnung ist also alles andere als banal. Wer sie sich selbst zusagen lässt, wird dadurch erst recht frei, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen.

 

Als Christen haben wir den Auftrag, diese Botschaft von der Versöhnung mit Gott weiterzusagen. Wir sind zu Gesandten Gottes berufen. Wir laden die Menschen ein und bitten sie: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Paulus macht ausdrücklich deutlich, dass es sich dabei um eine Einladung und eine Bitte handelt. Es ist nicht unser Auftrag als Christen, Menschen in ihrem Verhältnis zu Gott etwas zu befehlen oder ihren Glauben zu beherrschen. In neu-autoritärer Zeit, in der manche wieder den „starken Mann“ suchen, lassen wir uns das Verhältnis zu Gott nicht autoritär verzerren. Eine einfache Bitte reicht. Mehr muss nicht sein, weniger aber auch nicht.

Diese Bitte „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ kommt am heutigen Karfreitag auf digitalem Weg oder per Brief zu Ihnen. Es ist dieselbe Bitte wie im analogen Leben. Sie sagt nichts anderes und sie gilt genauso. Es geht darum, dass jeder und jede sich sagen und für sich gelten lässt: Gott weiß um meine Schuld, aber er sieht mich nicht danach an und behandelt mich nicht danach, sondern vergibt mir und ist mir barmherzig.

 

Wer Gott seine Versöhnung glaubt, der wird Merkmale eines neuen, veränderten Lebens bei sich selbst feststellen. „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist das neue Schöpfung“, schreibt Paulus. Ja, es stimmt: Wir werden nicht von heute auf morgen zu ganz anderen Menschen. Aber es beginnt ein Weg, wenn wir uns auf Versöhnung einlassen. Der Zwang, für alles einen Schuldigen zu finden und uns selbst zu rechtfertigen, der so oft unseren Alltag beherrscht, wird mit der Zeit weniger. Wir werden die neue Solidarität der Versöhnten erleben; die Gemeinschaft derer, die um ihre Fehler wissen und damit gelassener umgehen dürfen. Wir werden neu und immer stärker die Freiheit spüren, Verantwortung für unser Leben und das anderer Menschen zu übernehmen, weil wir wissen: Ich muss nicht perfekt sein. Ein Fehler, Schuld, bedeutet nicht das Ende. Es gehört zu den von Gott geschenkten Bedingungen meines Lebens, dass ich immer wieder einen neuen Anfang machen kann.[2]

 

In diesen Corona-Tagen müssen wir auf den äußeren Neuanfang noch warten. Das gibt uns heute die Gelegenheit, in der Stille auf Gottes Neuanfang mit uns zu hören.

Gebet

Barmherziger Gott,

wir danken dir für das Wort von der Versöhnung,

das du unter uns aufgerichtet hast.

Du hast aus dem Tod deines Sohnes Jesus neues Leben geschaffen uns zugute.

Hilf uns, dieses Wort zu hören und für uns gelten zu lassen:

Keine Verfehlung der Welt kann uns von dir trennen.

Im Leben und im Sterben gehören wir zu dir.

Sei in diesen Tagen bei allen, deren Gewissen belastet ist,

die mit sich und der Welt hadern.

Lass sie Frieden erfahren mit sich und anderen Menschen.

Stärke alle, die Verantwortung tragen in Politik und Gesundheitswesen,

in Kirche und Medien, in Wirtschaft und Gesellschaft.

Ermutige sie, Entscheidungen zu treffen, ohne sich vor Fehlern zu fürchten.

Sei bei uns allen, stärke unser Vertrauen in dich

und die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Amen.

[1] Übersetzung: Zürcher Bibel 2007.

[2] Vgl. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. (Chicago 1958) dt. München 102011. Arendt spricht von „Natalität“ als Fähigkeit, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln.