Predigt zum Sonntag Jubilate

Predigt zum Sonntag Jubilate


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Stefan Kläs am Samstag, 2. Mai 2020, 10:00 Uhr
© Foto von Luiz M. Santos von Pexels

Von Stefan Kläs. 

Liebe Leserinnen und Leser!

Heute ist der erste Sonntag im Mai. Manche von Ihnen haben sicherlich darauf gehofft, schon heute wieder den Gottesdienst in einer unserer Kirchen besuchen zu können. Leider ist das wegen der Corona-Pandemie noch nicht wieder möglich. An vielen Stellen in unserer Kirche in Düsseldorf und darüber hinaus wird zurzeit intensiv darüber beraten, ab wann und unter welchen Umständen wir uns wieder in unseren Kirchen zum Gottesdienst versammeln können.

Bis es so weit ist, frage ich mich:

Was genau fehlt uns eigentlich, wenn wir sonntags nicht in die Kirche gehen können? Und was fehlt uns möglicherweise auch nicht, weil wir es trotz Corona miteinander teilen können?

Mir selbst geht es so, dass mir das gemeinsame Singen und Beten besonders fehlt. Der heutige Sonntag heißt „Jubilate“, das heißt „Jubelt“, und dieser Name steht nicht zufällig in der Mehrzahl. Gemeinsam jubeln und Gott loben, das geht leichter und macht mir mehr Freude als alleine zu Hause. Ja, ich habe jetzt, in dieser Corona-Zeit, noch einmal ganz neu wahrgenommen, welchen großen Schatz wir mit unseren Vor-Ort-Gottesdiensten hatten und in Zukunft hoffentlich auch wieder haben werden.

Doch bis es soweit sein wird, brauchen wir noch Geduld. Das stellt uns einerseits auf die Probe, ist aber andererseits auch eine Chance. Denn auch jetzt können wir Entscheidendes miteinander teilen. Der heutige Predigttext hilft uns zu entdecken, was das ist. 

Zu den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium gehört auch seine Rede über den Weinstock (Die Bibel, Johannes, Kapitel 15). Jesus sagt zu seinen Jüngern:

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich euch gesagt habe. Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt, und es wird euch zuteil werden. Dadurch wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet. (Übersetzung: Zürcher Bibel 2007)

Die Rede Jesu nimmt ein Bild auf, das schon im Alten Testament geläufig ist. Immer wieder wird das Verhältnis zwischen Gott und seinen Menschen im Bild des Weinbergs dargestellt. So zum Beispiel beim Propheten Jesaja, der Gott als Weinbergbesitzer darstellt, der alles daransetzt, dass seine Reben Früchte tragen. In der Weinstockrede Jesu wird dieses Bild auf uns, auf die Gemeinde Jesu Christi,  übertragen. Wir sind die Reben, die an Christus, dem wahren Weinstock, hängen. Und von diesem Weinstock strömen Kraft und Lebenssaft zu uns. Da gibt es eine Verbindung zwischen Christus und seinen Menschen, die stärker ist als jede Form des sozialen Abstands, zu der wir im Moment gezwungen sind. Eine Verbindung, die so lebendig und kräftig ist, dass sie Menschen vereint auf den unterschiedlichsten Wegen, analog und digital, vor Ort und in der weltweiten Ökumene.

Ich sehe, auch und gerade jetzt während der Corona-Pandemie, so viele Anzeichen dafür, dass diese Verbindung zu Christus weiter besteht und unter uns wirksam ist. Ich höre zum Beispiel von Menschen, dass sie ganz neu das tägliche Lesen in der Bibel für sich entdeckt haben. Als die Kirchentüren sich geschlossen haben, da hat sich für sie die Bibel neu geöffnet. Sie lesen auf gut Glück oder folgen einem Bibelleseplan auf ihrem Smartphone und bekommen so Inspiration für ihren Alltag, selbst unter erschwerten Corona-Bedingungen.

Oder ich denke an die enorme Phantasie, die Gemeinden und kirchliche Einrichtungen zurzeit entwickeln, um das Evangelium in neuen, digitalen Formaten zu kommunizieren. Manches davon ist aus der Not geboren und erkennbar improvisiert, anderes schon professionell und auch für die Zeit nach Corona geeignet.

Und ich nehme mit einem gewissen Erstaunen den Konsens wahr, der in unserer Gesellschaft offensichtlich nicht nur in Sonntagsreden beschworen wird, sondern tatsächlich gilt: Die Menschenwürde ist unantastbar, und darum ist der Schutz menschlichen Lebens wichtiger als wirtschaftliche Interessen und der Profit. Global betrachtet ist diese Haltung alles andere als selbstverständlich. Ja, es ist so: Früher oder später sterben wir alle. Aber in unserer Gesellschaft wird der Tod von Menschen nicht leichtfertig oder kühl kalkuliert in Kauf genommen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Für mich sind dies alles Zeichen dafür, dass Menschen tatsächlich auch heute Kraft und Orientierung für ihr Leben aus der Verbindung mit Christus, dem wahren Weinstock, schöpfen.

Natürlich, es ist so, diese Verbindung kann geschwächt werden, der Glaube kann verdorren. Von dieser Erfahrung spricht Jesus auch in seiner Weinstockrede, und das gehört zu einem realistischen Bild unseres Glaubens dazu, der ja nicht immer gleich stark und lebendig ist, der nicht gegen jeden Zweifel gewappnet ist. Umso wichtiger ist es doch, darüber nachzudenken: Wie können wir Glauben und Vertrauen stärken, damit sie uns durchs Leben tragen?

Jesus selbst gibt uns einen Hinweis, er sagt: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt, und es wird euch zuteil werden.“ Natürlich sind damit keine x-beliebigen Wünsche gemeint. Nicht irgendwelche materiellen Dinge, die man sich für Geld kaufen kann, sondern etwas sehr viel Wichtigeres, nämlich Liebe! Liebe können wir nicht kaufen und wir brauchen sie doch so dringend für unser Leben. Um die Liebe bitten und der Liebe untereinander Raum geben, so hat Jesus einmal Gottes Gebote für uns zusammengefasst.[1]

Liebe kann Vieles sein. Liebe ist das Bild, das die Enkelin für Ihren Großvater in Quarantäne malt. Liebe ist der gut gefüllte Einkaufskorb, den die Nachbarin vor die Tür stellt. Liebe ist der Mundschutz, den wir jetzt alle tragen, um uns gegenseitig vor der Infektion mit dem Corona-Virus zu schützen. Und Liebe ist vor allem eine Quelle der Lebensfreude, wenn wir sie anderen schenken und selbst empfangen.

  

Gebet

Gott, unser himmlischer Vater,

wir danken dir, dass du uns angesprochen

und zu deiner Gemeinde berufen hast.

Wir bitten dich:

Mach dein Wort lebendig in unseren Herzen.

Schenke uns neues Vertrauen zu dir

und Liebe untereinander,

in unseren Familien, in der Gemeinde,

in unserer Stadt und in unserem Land.

Stehe allen bei, die sich um ihre Zukunft sorgen,

die sich vor Arbeitslosigkeit und Krankheit fürchten.

Schenke denen Erkenntnis und Fortschritt,

die an Impfstoffen und Medikamenten forschen.

Sei bei den Kranken und Sterbenden und bei denen,

die sich um sie kümmern.

Gott, du bleibst bei uns

und darum können wir bei dir bleiben.

Segne uns mit Lebensfreunde und Leichtigkeit

in dieser schweren Zeit.

Amen.

 

Lied

Bei dir, Jesu, will ich bleiben,

Stets in deinem Dienste stehn;

Nichts soll mich von dir vertreiben,

Will auf deinen Wegen gehn.

Du bist meines Lebens Leben,

Meiner Seele Trieb und Kraft,

Wie der Weinstock seinen Reben

Zuströmt Kraft und Lebenssaft.

 

Text: Philipp Spitta (1829), Evangelisches Gesangbuch, Nr. 406

[1] Vgl. Die Bibel, Johannes, Kapitel 13,34-35.

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