Predigt zum Sonntag Kantate

Predigt zum Sonntag Kantate


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Peter Andersen am Freitag, 8. Mai 2020, 06:58 Uhr
© Andersen

Von Peter Andersen.


Liebe Leserinnen und Leser,

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ – so beginnt der 98. Psalm, der dem heutigen Sonntag Kantate zugeordnet ist. Es ist der Sonntag, der das Singen und dabei speziell das Loben Gottes zum Thema hat. 

Doch in dieser Zeit stellt sich automatisch die Frage, was für Lieder wir jetzt überhaupt „singen“ können - gerade auch im übertragenen Sinne? Mehr noch, ob wir diesen Lobpsalm so nachsprechen können: „Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder!“?

Seit gut zwei Monaten hält uns die Pandemie im Schwitzkasten. Auch wenn sich jetzt einiges mehr und mehr lockert – wir sogar demnächst wieder Gottesdienste feiern werden (ohne das gesungen werden darf!) – so ist das alles noch längst nicht ausgestanden. Die Konsequenzen dieses Virus sind immens: neben den persönlichen Einschränkungen haben uns schon längst andere Folgen eingeholt: Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Mietausstände, Mindereinnahmen für die Kommunen... und und und. Und wenn wir über unsere Landesgrenzen hinausgucken, dann erleben wir, wir gut es wir noch haben – dass es anderen sehr viel schlechter ergeht. Das erwähne ich nicht als Trost für uns, sondern um zu markieren, wie ernst die Lage ist - global.

Ist angesichts all dessen ein Lobpsalm an diesem Sonntag angemessen? Oder nicht doch vollkommen fehl am Platz? Wäre nicht ein Klagepsalm viel passender?

Mehr noch:

Der heutige Sonntag ist der 10. Mai 2020. 

Am vergangenen Freitag war ein Datum, das angesichts von Corona irgendwie ins Hintertreffen geraten ist: die 75jährige Wiederkehr des Kriegsendes am 8. Mai 1945.

Vor 75 Jahren endete ein schrecklicher Krieg, der von deutschen Boden aus begonnen hatte – ein Krieg, der vielen Millionen Menschen das Leben genommen hat – ein Krieg, der gezeigt hat, dass „der Tod ein Meister aus Deutschland“ ist: Auschwitz steht da stellvertretend für die Barbarei im deutschen Namen. Es endete ein Krieg, der als Tatfolge für viele Menschen Flucht und Vertreibung bedeutete. Viele der damaligen Generationen blieben traumatisiert zurück. 

75 Jahre ist das her. 

Es ist ein Datum, das für mich ein Dreifaches bedeutet: 

1. Trauer

Trauer über das, was passiert ist: es war nichts anderes als ein Verbrechen an der Menschheit – mit vielen, vielen Tatfolgen. 

2. Aufgabe

Mahnung, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Manfred Rekowski, der Präses unserer Evangelischen Kirche im Rheinland, schreibt in diesem Sinne:

 Nie wieder darf so etwas geschehen. Deshalb bleiben Erinnerung und Mahnung unsere ständige Aufgabe. Noch im Jahr 1945 hatte sich die evangelische Kirche – die Schrecken von Krieg und Gewalt und das eigene Versagen in der Zeit der Gewaltherrschaft vor Augen – einem neuen Anfang verschrieben. Es sollte der Anfang einer Zeit sein, in der „der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann“, wie es im Stuttgarter Schuldbekenntnis des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland 1945 heißt.

3. Dank

Und auch Dank. 

Dank dafür, dass dieser Krieg zu einem Ende kommen konnte. 

Dank für die Befreiung von der Naziherrschaft!

Dank, dass unser Land danach wieder in die Staatengemeinschaft aufgenommen worden ist. 

Dank auch, dass wir seit dieser Zeit in diesem Land in Frieden leben konnten. Allein der Blick auf die Menschheitsgeschichte zeigt, dass eine Friedenszeit von 75 Jahren alles andere als selbstverständlich ist.

Trauer, Aufgabe und Dank!

Wir leben in einer Zeit, in der es politische Kräfte gibt, die versuchen, die Zeit des Nationalsozialismus und damit auch die Verbrechen im Deutschen Namen klein zu reden. Das wofür der 8. Mai 1945 stellvertretend in diesen Tagen steht, ist aber kein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. Andere scheuen sich nicht, diese Zeit zu verherrlichen.

Umso wichtiger ist, dass gerade wir als Christenmenschen die Erinnerung wach halten. Nicht nur, damit so etwas nie wieder „im deutschen Namen“ passiert, sondern auch um der unzähligen Opfer willen. Denn die Erinnerung ist ausdrücklich auch ein Dienst an den Ermordeten – an denen, die zu Tode gekommen sind. Ihnen sind wir das schuldig: den Kindern, den Frauen und den Männern.

Wir haben nun den 10. Mai 2020.

Inmitten einer Pandemie und angesichts eines historischen Datums.

Es ist der Sonntag Kantate.

 Und da ist dann dieser 98. Psalm.

Nochmals: ein Lobspsalm?

In dieser Gemengelage unterschiedlichster Gefühle?

Die Kunst ist vielleicht schlicht die, wie wir diesen Psalm lesen oder sprechen. Mit welcher Haltung wir das tun.

Ja – es ist so, dass wir einen solchen Psalm nicht ungebrochen – nicht ohne tief Atem zu holen – nachsprechen können. 

Aber wir können ihn sprechen:

Denn dieser Psalm passt deshalb genau in diese Zeit, weil er von Gott als dem Befreier spricht. Weil er davon spricht, dass Gottes Gerechtigkeit das letzte Wort hat. Und das ist es doch, was wir als Christenmenschen erhoffen: dass alles gut werden möge.

Der 98. Psalm als Psalm der Hoffnung.

Und als solcher ist er genau der richtige Psalm:

 

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. 

Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.


Der HERR lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. 

Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!
Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel! 

Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König! 

Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen in die Hände klatschen,
und alle Berge seien fröhlich
vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten. 

Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist. 

 Amen

Kommentare

Monika Wanner-Krause
Lieber Herr Pfr. Andersen,
diese Predigt ist wieder großartig, auch das Gedenken - 75 Jahre nach Kriegsende - mit hinein zunehmen hat mich tief berührt. Bin ich doch ein Kriegskind, 1940 geboren, 1950 aus Mitteldeutschland Eisenach ins Rheinland kommend, in Schlesien alles verloren. Unsere Mutter, mein Bruder und ich hatte in der Friedenskirche in Bilk guten Anschluss. Hoffnung war auch damals ein wichtiger Anker, gut, dass Sie diesen Psalm auch als Hoffnungsbotschaft auslegten, danke !!!
Erika v. Szczepanski
DANKE!