Predigt für Christi Himmelfahrt

Predigt für Christi Himmelfahrt


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Stefan Kläs am Mittwoch, 20. Mai 2020, 13:48 Uhr
© Pixabay

Von Stefan Kläs. 

Liebe Leserinnen und Leser!

Heute feiern wir Christi Himmelfahrt. Ein Fest, das entstanden ist aufgrund einer schönen und zugleich schwierigen Geschichte. Der Evangelist Lukas erzählt von diesem schlechterdings unvorstellbaren Ereignis mit nur einem Satz. „Es geschah“, als Jesus die Jünger segnete, da „schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel“ (Lk 24,51). Die Kargheit dieser Erzählung hat seit jeher Künstler inspiriert, das Ereignis Himmelfahrt darzustellen. Wer Christi Himmelfahrt in der Kunst nachgeht, der stellt fest: Für Jesu Weg in den Himmel gibt es ganz unterschiedliche Bilder. Mal ist es ein wolkenumrahmter Auftritt, mal sieht man nur die Füße. Für viele Zeitgenossen heute sind diese Bilder im wahrsten Sinne des Wortes unanschaulich geworden. Ihre Bildsprache verweist den Inhalt ins Reich der Mythen und Legenden. Und so droht verloren zu gehen, worum es heute geht und was es heute zu feiern geben soll. 

Mir hilft in dieser Krise der Bilder der Blick in ein anderes Evangelium, das auf ganz andere Weise letztlich von derselben Sache erzählt. Der Evangelist Johannes erzählt ausführlich von Jesu Abschiedsreden an seine Jünger. Am Ende dieser Abschiedsreden wechselt Jesus den Adressaten. Er spricht nun nicht mehr zu den Jüngern, sondern zu Gott. Er betet und bittet für seine Jünger und darüber hinaus auch für die Menschen, die durch die Verkündigung der Jünger an Christus glauben werden. Jesus betet also hier für die Schülerinnen und Schüler seiner Schüler. Oder anders gesagt: Jesus betet für uns, für die Christinnen und Christen, die durch das Zeugnis der Bibel zum Glauben gekommen sind.  

Und dies sind die Worte, mit denen Jesus betet:

20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 21 dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, 23 ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. 24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. 25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. (Lutherbibel 2017)

Jesus betet mit diesen Worten für uns. Und damit sind wir am Kern dessen, was Himmelfahrt bedeutet. Himmelfahrt bedeutet: Jesus betet für uns, auch hier und heute. Er tritt vor Gott für uns ein. Wir haben bei Gott einen Anwalt. Jesus macht sich stark für uns bei Gott.

Natürlich ist auch diese Vorstellung vom Anwalt Jesus, der vor Gott für uns bittet, ein Bild. Wir kommen aus dem Bildermachen nicht heraus, wenn es um Gott und uns geht. Aber möglicherweise ist dies ein Bild, das für uns heute einfacher zu entschlüsseln ist, weil es ganz ohne geheimnisvolle Wolken und über dem Boden baumelnde Füße auskommt.  

Was aber genau ist es, worum Jesus bei Gott für uns bittet?

Jesus bittet darum, „dass sie alle eins seien“ (V. 21). Es geht ihm darum, dass die vielen Unterschiede, die es zwischen uns Menschen gibt, vor Gott nicht mehr ins Gewicht fallen. Und wenn sie vor Gott nicht mehr ins Gewicht fallen, dann sollen sie auch unter uns Menschen nicht mehr ins Gewicht fallen. Ob also jemand beispielsweise Jude oder Nichtjude, Muslim oder Atheist ist, ob jemand Mann oder Frau oder Divers ist, ob jemand arm oder reich ist, das spielt vor Gott keine Rolle und soll darum auch unter uns Menschen keine Rolle mehr spielen.

Theoretisch ist es leicht, diesem Gedanken zuzustimmen. „Alle Menschen sind von Geburt an gleich und frei“, heißt es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Diese Einsicht wurde damals gegen die Erfahrung von Krieg und Verfolgung gesetzt. Bis heute machen wir jedoch immer wieder die Erfahrung, wie schwer es ist, nach diesem Grundsatz tatsächlich zu leben. Die Unterschiede, die es unter uns Menschen gibt, werden immer wieder zum Anlass der Spaltung. Und manche Politiker befördern diese Spaltungen sogar, indem sie bewusst Rassismus, Nationalismus und andere Formen von Hass fördern, weil sie sich davon Zustimmung erhoffen. 

Weil diese Spaltungstendenzen unter uns Menschen offenbar so mächtig sind, darum bedürfen wir der Fürbitte durch Jesus. Wir brauchen himmlische Unterstützung, damit die Kräfte des Zusammenhalts und der Einheit stärker werden als die Kräfte der Spaltung.

Diese Kraft des Zusammenhalts hat einen Namen. Es geht um Liebe!

Jesus bittet Gott, „damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen“ (V. 26). In immer neuen, geradezu lyrischen Worten beschreibt Jesus diese Liebe zwischen Gott und ihm selbst. Er bittet Gott, diese Liebe möge ausgeweitet werden, zuerst auf seine Jünger und dann auf alle Menschen.  

Jetzt, während der Corona-Pandemie, gibt es unter manchen Christen die Befürchtung, die Kirche sei zu unsichtbar in der Gesellschaft, sie gerate ins Abseits. Und natürlich sind dann auch sofort die kritischen Stimmen von außen auf dem Plan, die diese Furcht vor dem Bedeutungsverlust aufgreifen und verstärken. Ich denke, so sehr wir institutionell und organisatorisch herausgefordert sind, mindestens so sehr dürfen wir doch auch Vertrauen haben. Vertrauen, dass die Kräfte des Himmels auf unserer Seite sind. Gott ist unter uns gegenwärtig und stärkt die Kräfte der Liebe und des Zusammenhalts, auch über die Entfernung der physischen Distanz hinaus. Unsere Einheit als Gemeinde wird im Himmel gestiftet, und darum kann sie auch durch irdische Differenzen nicht zerrissen werden.

Ich glaube, wo wir uns die Bitte Jesu um Einheit gefallen lassen und uns selbst zu eigen machen, da werden immer wieder Brücken zwischen Menschen entstehen, die auch in der Krise Bestand haben. Wir müssen die Einheit der Gemeinde, geschweige denn der Menschheit, nicht erzwingen oder als schönen Schein bloß vortäuschen. Viel wichtiger ist es, darum immer wieder zu bitten und darauf zu hoffen.

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Satz: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 435 f.)

Gebet

Gott, unser himmlischer Vater!

In deiner unerschöpflichen Liebe hast du uns erwählt

zu einem Leben vor dir und mit allen deinen Geschöpfen.

Wir danken dir, dass du selbst uns beistehst und

die Kraft der Liebe immer wieder neu

in unsere Herzen und Hände legst.

Wir bitten dich um Vertrauen in dich und

dein Wirken unter uns Menschen.

Hilf uns, Brücken zu bauen,

wo andere Gräben aufreißen.

Steh denen bei, die Kranke versorgen und

nach Medikamenten und Impfstoffen suchen.

Sei bei den Jugendlichen, die in diesen Tagen

konfirmiert worden wären. Stärke ihren Glauben.

Erinnere die Politikerinnen und Politiker

an ihre Verantwortung zum Guten und

gibt ihnen Kraft für ihr Amt.

Amen.

 

Lied „Gott ist gegenwärtig“

Luft, die alles füllet,

drin wir immer schweben,

aller Dinge Grund und Leben,

Meer ohn Grund und Ende,

Wunder aller Wunder:

ich senk mich in dich hinunter.

Ich in dir,

du in mir,

lass mich ganz verschwinden,

dich nur sehn und finden.

 

Text: Gerhard Tersteegen 1729

Evangelisches Gesangbuch, Nr. 165

Kommentare

Erika von Szczepanski
DANKE für die Worte aus dem Johannes-Evangelium!
Sie erklären, dass Jesus zu seinem Ursprung zurückkehrt: "denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war".
Denn "Himmel", was ist das? Immer mehr glaube ich, dass er in uns selbst liegt. So kann ich auch Johannes' Bericht gut verstehen.