Predigt zum Sonntag Exaudi

Predigt zum Sonntag Exaudi


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Judith Uhrmeister am Samstag, 23. Mai 2020, 17:26 Uhr
© Pexels.com

Von Judith Uhrmeister.

Jesus geht auf Distanz

An Himmelfahrt passiert, was wir alle seit dem Shutdown erleben: Soziale Distanz oder „Social Distancing“.

Wir distanzieren uns voneinander, damit wir uns gegenseitig nicht mit dem Virus anstecken.

Jesus distanziert sich von seinen Vertrauten, damit er in den Himmel fahren kann. So geht jedenfalls die Geschichte: Am Himmelfahrtstag steht Jesus auf einem hohen Berg, hebt die Hände und fährt auf in den Himmel. Wie auch immer sich das zugetragen hat. Die Folge ist: Er distanziert sich von seinem sozialen Umfeld. Er geht auf Distanz und seine Vertrauten bleiben zurück. Und es bleibt ihnen nichts anders übrig, als mit der neuen Distanz umzugehen. So wie uns. Uns bleibt ja im Moment auch nichts anderes übrig, als mit der Distanz zueinander irgendwie umzugehen. Und das schon seit Wochen.

Kontakthalten trotz Distanz

Anfangs hat es sich für mich angefühlt wie der total Ausnahmezustand. Nichts mehr wie vorher. Von heute auf morgen konnte nichts mehr in den gewohnten Formen stattfinden. Die Liste an Dingen, die plötzlich nicht mehr stattfinden konnten, wurde immer länger und länger. So lang, dass sich schnell die Frage gestellt hat: Was findet denn dann eigentlich überhaupt noch statt?

Aber wie die Jünger an Himmelfahrt hatten wir keine andere Wahl. Das Leben geht ja weiter, auch wenn wir uns nicht treffen.

Und wir haben Möglichkeiten gefunden in Kontakt zu bleiben: Telefonandachten statt Gottesdienst in der Kirche. Wöchentliche Online-Bibelgespräche. Telefonketten und Einkaufshilfen. Chor- und Musikstücke auf Youtube. Alle möglichen Onlineangebote für Jugendliche und und und. Wir haben unser Leben an die Gegebenheiten angepasst, vielleicht auch nur mehr schlecht als recht.

Die Jünger müssten eigentlich inzwischen daran gewöhnt sein, dass Jesus sie gerne Mal vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Aber an Himmelfahrt, als Jesus sich dann endgültig in den Himmel verabschiedet, da fällt es ihnen doch schwer, sich vorzustellen, wie es möglich sein kann, über die Entfernung bis zum Himmel mit Jesus in Kontakt zu bleiben.

Wie soll das auf Dauer gehen, ohne direkten Sichtkontakt, ohne Anfassen, Umarmen, ohne ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Und das kann ich gut verstehen. Mir reicht es langsam nämlich auch mit der Distanz zu anderen Menschen. Ich will endlich wieder unbeschwert anfassen, singen, dicht gedrängt im Theater sitzen und entspannt nach dem Gottesdienst andere auf einen Kaffeeplausch treffen. Ich oder wir können das hoffentlich irgendwann wieder. Wenn wir das Virus im Griff haben.

Jesus allerdings bleibt im Himmel. Sinnbildlich gesprochen. Ihn kann man nicht mal eben anrufen, per Mail befragen oder in einem Videochat treffen. Das gilt für die Jünger genauso wie für uns, die wir ihn suchen.

Besinnung aufs Wesentliche

„Aber“, sagt Jesus, als er sich von seinen Jüngern verabschiedet, „wenn ich gehe, schicke ich euch den Tröster aus der Höhe.“ Dieser Tröster ist unter Christen und Christinnen besser bekannt als der

Heilige Geist. Jesus geht, und sein Geist kommt und bleibt. Hier mitten unter uns. Und dass sein

Geist wirkt, das zeigt sich besonders gut in Krisen wie dieser. Nämlich dann, wenn wir uns als einzelne und als Gemeinschaft auf das Wesentliche besinnen müssen, damit wir auf den richtigen Weg bleiben. Wenn wir kreative Ideen brauchen. Wenn es wichtig ist, mutig zu bleiben und nicht zu verzweifeln. Wenn Geduld gefragt ist und es schwer fällt zuversichtlich zu bleiben. Dann kann man erkennen, wo und wie der Geist aus der Höhe wirkt.

Kontakt halten

Er hilft uns, mit Gott Kontakt zu halten. Und er hilft uns, miteinander Kontakt zu halten, selbst wenn wir uns für eine gewisse Zeit nicht treffen können. Und wenn man so will, dann ist der Geist, wie eine Art unsichtbare Kirche, in der man sich treffen kann, auch wenn alle anderen Kirchen zu haben. An Pfingsten, also nächste Woche, findet in der Matthäikirche der erste Gottesdienst nach der Schließung statt. Mit Mundschutz und Abstand, aber ganz sicher mit dem Heiligen Geist. Ich freue mich schon, Sie bald wiederzusehen!

Ihre Pfarrerin Judith Uhrmeister

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