Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Peter Andersen am Samstag, 20. Juni 2020, 00:00 Uhr
© Peter Andersen

Liebe Leserinnen und Leser, 

in Krisenzeiten ist es oft so, dass einige Menschen Dinge klarer sehen können. 

Ich zitiere aus einer Rede eines bekannten Zeitgenossen, von dem ich – Asche auf mein Haupt – solche Worte nicht unbedingt erwartet hätte. Worte die ziemlich zu Beginn der Coronakrise formuliert wurden:

„Die letzten Tage haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Die Welt hat ein kollektives Burn-Out erlebt. Ich habe das Gefühl, dass sich die Erde gegen den Menschen stemmt. Das Tempo, das wir Menschen vorgegeben haben in den letzten Jahren, war nicht mehr zu toppen. Machtgier stand im Vordergrund, Katastrophen haben uns nur am Rande berührt. Jetzt erleben wir etwas, was jeden einzelnen Menschen betrifft. Jetzt stellen wir fest, dass wir auf wichtige Dinge schauen müssen, was im Leben wirklich zählt: Respekt untereinander! Dass wir in Zukunft noch respektvoller miteinander umgehen.“

Soweit Joachim Löw, Trainer unserer Fußballnationalmannschaft.

Da ist also jemand, der innegehalten hat – jemand, der gemerkt hat, dass es nicht allein um ein Virus geht. Dass dieses Virus und all die Folgen, die so vieles auf dieser Erde ausgebremst oder auf den Kopf gestellt haben, den Blick frei macht und zu der entscheidenden Frage führt: „Was machen wir hier eigentlich?“ Und zu der darin schon enthaltenden Teil-Antwort: „So wie bisher kann es doch gar nicht weitergehen!“

Was machen wir eigentlich? Worauf kommt es an?

Das Thema dieses zweiten Sonntag nach Trinitatis ist die „Einladung zum Leben“. 

Es geht um das Erkennen, was das Leben ausmacht. Es geht darum, sich darüber klar zu werden… so wie es unser Bundestrainer formuliert hat… was im Leben wirklich zählt.

Der für den heutigen Sonntag mit vorgeschlagene Text aus dem Buch des Propheten Jesaja fügt sich in diese Blickrichtung perfekt ein. Es sind Verse, die auch in einer Krise damals geboren worden waren. Keine Pandemie. Es war das Exil – die babylonische Gefangenschaft. Wo alles anders war. Und wo auch der Blick auf das gerichtet war, worauf es doch eigentlich ankommt.

Da heißt es:

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

Worauf kommt es an? Was machen wir eigentlich?

Es gibt viele, die sich nichts sehnlicher wünschen als zur Normalität zurückkehren zu können: in die Vor-Corona-Zeit. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich wünsche mir selbst z.B. als Musikfan, wieder auf ein Konzert gehen zu können – so wie vorher. 

Aber – so falle ich mir dann selbst ins Wort - wäre es wirklich gut, wenn alles wirklich alles  - 1 zu 1 – so wäre wie vorher?

Eigentlich wissen wir doch alle sehr genau, dass das nicht gut wäre. Dass unser Planet dass so nicht mehr lange mitmachen wird – dass erst Recht mehr und mehr Menschen unter die Räder kommen würden...als sie es jetzt schon tun. 

Aus den Worten des Propheten Jesaja möchte ich zwei Dinge hervorheben.

Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!

Auch in den Ohren der Menschen damals vor ungefähr 2500 Jahren muss das mehr als utopisch geklungen haben. Umsonst einkaufen? Das kann doch gar nicht funktionieren. Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum - sondern vielmehr um den Hinweis, dass das, was wir zum Leben brauchen, für alle zugänglich sein muss. Und zum Leben gehören eben nicht nur Grundnahrungsmittel – „Wasser und trockenes Brot“ –, sondern auch der Wein. Der Wein als Ausdruck der Lebensfreude. Zugang für alle – nicht nur um zu überleben, sondern um das Leben leben zu können. 

Was ist das Ziel der Menschheit heute?

Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht?

Dass nur die Machtgier – so wie es Jogi Löw ausdrückt – das Leben bestimmt/dominiert?

Oder, dass wir unser Augenmerk auf ein Leben richten, an dem das Wohl Aller im Vordergrund steht?

Ergänzend zu dem ein zweiter Gedanke Jesajas:

Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.

Wir leben in einem unglaublich reichen Land. Wir haben effektiv einen wahnsinnigen Luxus. Ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus. Wie viele Dinge besitzen wir – besitze ich  -, die am Ende doch unsinnig sind. 

Brauchen wir das alles wirklich?

Es geht dabei nicht um eine miesepetrige Sichtweise, die alles, was schön ist und Spaß macht madig machen will. Es geht auch nicht darum, auf alles verzichten zu müssen.

Es geht vielmehr um die mehr als notwendige Frage, ob das, was für so selbstverständlich zu sein scheint, wirklich notwendig ist.

Es geht darum, dass wir schlicht aus dem Konsumrausch, den wir uns selbst auferlegen und der uns auch zum Wohle der Wirtschaft angeraten wird, einfach mal aussteigen. 

Weniger ist mehr. Das ist im nicht nur daher gesagt. 

Und es hat auch bei Jesaja eine lebensbejahende Verheißung:

Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.

Am Ende steht nicht der von Askese gezeichnete frustrierte Gesichtsausdruck, sondern Anteil an der Fülle des Lebens. 

Und das schließt dann auch das an, was Jogi Löw als Respekt versteht. Respekt vor dem Leben anderer im ganzheitlichen Sinne – ein Respekt, der auch das eigene Leben miteinschließt. Respekt vor Gottes Schöpfung.

In Krisenzeiten ist es oft so, dass manche Menschen Dinge klarer sehen können. 

Werden wir auch etwas ändern?

Werden wir den Mut dazu haben?

Gott lädt uns auf jeden Fall dazu ein.

Für das Leben zu arbeiten.

ER traut uns das jedenfalls zu. 

Und zu fragen, worauf es ankommt, ist der Anfang.

Amen.

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