Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Stefan Kläs am Samstag, 4. Juli 2020, 15:31 Uhr
© Pexels.com

Von Stefan Kläs


Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Micha 7,18-20 (Lutherbibel 2017)

 

„Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“

Dieses schöne Zitat wird immer mal wieder jemand anderem zugeschrieben, mal Mark Twain, mal Winston Churchill und mal Kurt Tucholsky.

Von wem auch immer es stammt, es stößt uns auf die Tatsache, dass wir im Blick auf die Zukunft immer nur sehr vage wissen, was sie bringt.

„Kommt die zweite Welle oder kommt sie nicht?“, fragen sich in diesen Tagen viele von uns mit Blick auf die Corona-Pandemie. Die Virologen tun ihr Bestes, um Politik und Öffentlichkeit zu beraten. Aber mit letzter Sicherheit können auch sie diese Frage, trotz aller wissenschaftlichen Expertise, nicht beantworten.

In Situationen, in denen wir so auf uns selbst und auf unsere Grenzen verwiesen werden, greifen wir oft unwillkürlich auf sehr alte Deutungs- und Verhaltensmuster zurück. Eines davon wird in diesen Tagen gerne genutzt.

„Wir haben es in der Hand“, sagte Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité und mein Lieblings-Erklärer der Pandemie am vergangenen Dienstag zum wiederholten Mal in seinem Podcast. Wir haben es in der Hand, ob die zweite Welle kommt oder nicht. Es liegt an uns, an unserem Verhalten. Daran, ob wir weiterhin Abstand halten und Masken tragen oder nicht.

Hinter dieser Argumentation steht die Logik von Tun und Ergehen. Je nachdem, wie du dich verhältst, so geht es dir dann auch entsprechend. Handelst du gut, geht es dir gut. Handelst du schlecht, geht es dir schlecht.

Nun zeigt der Blick in jene Länder, in denen alle Vorsichts- und Hygienemaßnahmen außer Acht gelassen werden, dass an diesem Tun-Ergehen-Zusammenhang tatsächlich etwas dran ist. Zumindest wenn man auf die gesellschaftliche Situation als ganze schaut. Vor allem dort, wo populistische oder autoritäre Politiker regieren und das Virus verharmlosen, in den USA, Russland, Brasilien, steigen die Infektionszahlen massiv. Zum Teil herrschen dort dramatische Zustände im Gesundheitssystem. Im großen Ganzen trifft diese Regel also zu. Je nachdem, wie die Menschen in einer Gesellschaft sich mehrheitlich verhalten, so geht es ihnen dann auch.

Und doch gibt es natürlich immer wieder die Fälle, in denen es einzelnen Menschen viel besser oder viel schlechter geht, als es ihrem Verhalten entsprechen würde. Das gilt für den sportlichen, nichtrauchenden Mittvierziger, der schwer erkrankt, genauso wie für den ignoranten kettenrauchenden Achtzigjährigen, dem es blendend geht. Im Blick auf den einzelnen Menschen und sein Ergehen, lassen sich oft genug keine Rückschlüsse aus unserem Verhalten ziehen. Das gilt in der Corona-Pandemie und auch sonst im Leben.

„Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet“ (Lk 15,30), spricht der fleißige und wohlgeratene ältere Sohn im Gleichnis zu seinem Vater und kann nicht fassen, dass es dem kleinen Bruder jetzt wieder so gut geht. Soll das etwa gerecht sein?

„Ich möchte lieber tot sein als leben“ (Jona 4,3), betet der Prophet Jona zu Gott, weil er sich so sehr ärgert, dass Gott barmherzig ist mit den Bewohnern der Stadt Ninive und diese nicht zerstört. Wie steht er denn jetzt da? Der Prophet, der erst Gottes Strafgericht ankündigen soll und nun zusehen muss, wie die Sünder davonkommen.

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld …; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!“ So fasst der Prophet Micha seine Erfahrungen mit der Ungerechtigkeit im Land und mit dem Zorn Gottes zusammen. In Israel war die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit völlig aus dem Ruder gelaufen. Weil einige wenige immer mehr Land anhäuften und dadurch immer reicher wurden, gerieten viele Kleinbauern in Abhängigkeit und Armut. Als dann der Krieg mit dem übermächtigen babylonischen König ausbrach und Israel als Staat unterging, der Tempel zerstört wurde, da war die Botschaft der Propheten eindeutig: Dies ist die Folge unserer Ungerechtigkeit. Ein Staat ohne Gerechtigkeit, eine Gesellschaft ohne Zusammenhalt haben eben keinen Bestand, nicht vor Gott und nicht in der Geschichte.

Umso größer ist dann das Staunen Michas darüber, dass Israel eben nicht ganz und gar am Ende war. Es gab einen neuen Anfang. Es gab diejenigen, die davongekommen waren. Es gab Gottes Barmherzigkeit für Israel. Wie geht es uns damit, wenn wir erleben:

Es gibt Menschen, denen es besser geht, als sie es eigentlich verdient hätten?

Ärgern wir uns dann darüber wie der ältere Sohn im Gleichnis oder wie der Prophet Jona? Oder freuen wir uns über Gottes unverdiente Barmherzigkeit und staunen mit dem Propheten Micha: „Wo ist ein solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt“?

Unsere Reaktion auf Gnade, auf unverdientes Glück sagt etwas darüber aus, wer wir sind. Natürlich gibt es hochmütige Menschen, die stets sich selbst und ihren eigenen Vorteil suchen. Die sich selbst für unverletzlich und unwiderstehlich halten, die immer die Grenzen gemeinsamer Regeln austesten oder gleich ganz darauf pfeifen. Die gibt es. Und nicht selten sind sie besonders weinerlich, wenn sie die Folgen ihres Tuns erfahren und führen auch dann noch große Worte im Mund.

Aber es gibt eben auch die anderen, die vordergründig immer auf der Seite der Gerechtigkeit stehen. Die sich mit Vorliebe zu den Richtern der anderen machen und gar nicht damit umgehen können, wenn es einem besser geht, als es ihren persönlichen Maßstäben entspricht. Auch das ist eine Form von Hochmut.

Gott ist barmherzig und behaftet uns nicht bei  unseren Fehlern. Es gefällt Gott, gnädig zu sein. Wie könnten wir da Gefallen an Ungnade und Unbarmherzigkeit finden! Wie könnten wir Gefallen daran finden, dass es Menschen schlecht geht, auch wenn sie es unserer Meinung nach noch so sehr verdient haben. Auch wenn sie noch so sehr selbst schuld sind an ihrer eigenen Misere.

„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt“? Das Staunen über unverdientes Glück verändert uns. Die Freude über den Neuanfang, ob in unserem Leben oder im Leben der anderen, macht uns zu fröhlicheren Menschen. Der Glaube an den Gott der Barmherzigkeit verändert uns, macht aus uns barmherzige Menschen. Macht aus uns Menschen, die für sich und andere hoffen, denn gemeinsam sind wir auf Barmherzigkeit angewiesen. Bei allem, was wir versuchen, gut und richtig zu tun – ob es sich dabei um Corona-Regeln handelt, das Bürgerliche Gesetzbuch oder Gottes Gebote – bei allem sind und bleiben wir darauf angewiesen, dass es uns manchmal besser geht, als wir es eigentlich verdient hätten. Hinter dieser Erfahrung dann Gottes Wirken zu vermuten, seine Zuwendung zu uns, auf diese Spur setzt uns heute der Prophet Micha.

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der Gefallen hat an Gnade?

 

Gebet

Barmherziger Gott,

du hast Gefallen an Gnade.

Wir danken dir dafür und bitten dich:

Mache Menschen aus uns,

die sich deine Gnade gefallen lassen.

Bewahre uns vor Hochmut und Selbstgefälligkeit.

Hilf uns barmherzig mit anderen

und mit uns selbst zu sein.

Denen, die tief verunsichert sind,

weil sie nicht wissen, wie es weitergeht,

schenke Vertrauen und Zuversicht.

Allen, die sich um andere kümmern,

im Gesundheitswesen, im Sozialsystem,

in der Justiz, in der Verwaltung,

schenke Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Stehe denen bei, die um einen Verstorbenen trauern.

Uns allen schenken deinen guten Geist

der Hoffnung und Freude. Amen.

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