Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Judith Uhrmeister am Sonntag, 5. Juli 2020, 00:00 Uhr
© Thomas Hugo

Liebe Leserin, lieber Leser,

der kommt doch jetzt gleich um die Ecke, denke ich, als im Haus meines Großvaters stehe. Alles genauso, wie immer. Alle Dinge an ihrem immer gewohnten Platz. Sein Hut, sein Mantel, seine Schuhe. Ein bisschen eingestaubt vielleicht, aber an Ort uns Stelle. Nur er ist weg. Tot.

Und obwohl ich weiß, dass es keinen Sinn hat, laufe ich durchs Haus und suche ihn. In den Räumen, die mir seit meiner Kindheit vertraut sind; Zwischen all den Sachen, die sich seit Jahrzehnten in dem Haus angesammelt haben.

Aber er ist nicht zu finden. Klar, er ist ja auch tot.

Das Haus ist wie in einer Zwischenwelt: Gestern noch hat er dort gelebt. Gegessen, geschlafen, geatmet. Und heute braucht er den ganzen Kram nicht mehr.

Er braucht keine Kleider mehr, keinen vollen Kühlschrank, kein Klopapier; keine Leselampe und auch keine Gehhilfe. Er braucht kein Geld mehr, kein Auto, kein gar nichts.

Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub

Von der Erde ist er gekommen, zur Erde geht er zurück.

Seine Sachen helfen ihm jetzt nicht mehr.

Ins Grab gehen wir ohne materiellen Besitz.

„Ja, genau!“, würde Jesus wahrscheinlich sagen. „Und auf dem Weg in den Himmel hilft er noch viel wenig. Bei der Reise ins ewige Leben bringt das ganze Zeug nicht. Kein Besitz der Welt.“

Jedenfalls sagt er zu seinen Jüngern Folgendes: „Es ist schwer ins Reich Gottes zu kommen, leichter ist es, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.“

Haben Sie ein Kamel vor Augen? Ein Kamel passt nie im Leben durch die Öse einer Nadel, egal wie groß die Öse auch ist. Das ist so gut wie unmöglich. Und Jesus sagt: das ist leichter, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.

Das ist selbst für die Jünger, die ja für Jesus und seine Wanderschaft sowieso schon so Einiges hinter sich gelassen haben, zu viel.

Wie soll das gehen, kein Besitz?

Menschen brauchen doch Sachen zu Leben. Sie brauchen was zu Essen, was zu Trinken. Sie brauchen Kleidung und einen sicheren Ort zum Schlafen.

Und wenn ich Jesus richtig verstehe, dann hat der ganze Besitz meines Großvaters für seine Reisekasse in die Ewigkeit im Leben eine eher schlechte Bilanz hinterlassen.

„Wer kann dann überhaupt ins Reich Gottes kommen?“, fragen die Jünger

Darauf sagt er: „Bei den Menschen ist‘s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“

Mal in meine Worte übersetzt heißt das: Für euer Leben auf der Erde braucht ihr Dinge, keine Frage, aber wenn ihr glaubt, dass euch euer Besitz auf Erden auch die Pforten zum ewigen Leben öffnen wird – ganz nach dem Mott: wer das dickste Auto hat, der hat auch einen Platz in der ersten Reihe im Himmel, dann irrt ihr euch.

Im Gegenteil: Je mehr ihr euer Herz an Sachen hängt, je mehr ihr euer Lebenskamel mit Kram beladet, desto unmöglicher wird es werden durch die schmale Öse ins Reich Gottes zu gelangen.

Jesus sagt nicht, aller irdische Besitz ist schlecht. Sondern er sagt: Aller materielle Besitz hindert uns daran, ins Reich Gottes zu kommen.

Was heißt das jetzt für meinen Großvater? Ich hoffe wirklich sehr, dass er ins Reich Gottes kommt.

Aber, wenn ihm seine Sachen nicht mehr helfen und anscheinend auch nie geholfen haben, was hilft ihm dann?

Materieller Besitz ist es nicht.

Die Jünger sind aufgebracht und können sich überhaupt nicht vorstellen, wie es gehen soll, so ganz ohne Besitz.

Und in diese ganze Aufregung hinein gewinnt Jesus die Aufmerksamkeit der Jünger wieder, indem er sagt: „Liebe Kinder!“ „Liebe Kinder!“ Das ist eine ungewöhnliche Anrede in einer Situation, in der es ja wohl ganz offensichtlich um Erwachsenenthemen geht.

„Liebe Kinder!“ Sagt er und plötzlich hören sie auf. Und es ist als würden sie dadurch an etwas erinnert, dass Jesus ihnen erst kurze Zeit zuvor gesagt hat:

„Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder, dann werdet ihr das Reich Gottes nicht sehen!“

Kleinen Kindern sagt Besitz nämlich überhaupt nichts. Sie gehen selbstverständlich davon aus, dass alles, was sie bekommen, genau für sie gemacht ist. Sie schreiben keine Rechnungen, oder sammeln unnötige Dinge im Keller. Sie leben ganz im Moment. Wenn sie traurig sind, dann weinen sie, wenn sie fröhlich sind, dann lachen sie, wenn sie wütend sind, dann brüllen sie. Und wenn sie Hilfe brauchen, dann gehen sie davon aus, dass ihnen einer hilft.

Sie bringen aus dem Jenseits die Fähigkeit mit, absolut zu vertrauen. Sie sind frei von dem Gefühl, für ihre eigene Sicherheit sorgen zu müssen.

Sie haben keine vollbepackten Höcker, wie Kamele, die auf Vorrat speichern. Sie sind leichtfüßig und wendig. Durch das enge Nadelöhr ins Himmelreich Gottes tanzen sie mühelos. Sie sind so frei und unabhängig, dass sie da einfach durchmarschieren.

Sie wissen, wie es geht.

„Liebe Kinder!“, sagt Jesus zu den erwachsenen Jüngern. „Liebe Erwachsene, erinnert euch daran, wie es war, als ihr selbst Kinder wart und wenn ihr euch fragt, wie ihr Gott erreichen könnt, dann beobachtet, eure Kinder.“

Denn: „Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder, dann werdet ihr das Reich Gottes nicht sehen!“

Weil Kinder so sind, könnten sie auf der Welt auch keinen einzigen Tag alleine überleben. Das würde nicht gut gehen. Ein bisschen Proviant braucht man eben schon, wenn man heil durch die Wüste kommen will.

Für das Leben auf der Erde brauchen sie uns, aber für den Weg ins Reich Gottes brauchen wir sie, sagt Jesus. Wenn ihr ins Himmelreich wollt, dann werdet so, wie sie.

Als mein Großvater da im Sarg lag, war sein Körper alt und verlebt, aber auf den Lippen hatte er das Lächeln eines verschmitzten kleinen Jungen, der den Besitz der Welt losgelassen hat. Er hatte seine himmlische Leichtigkeit vom Anfang seines Lebens wiedergewonnen. Seine Sachen habe neue Besitzer gefunden, weil mein Großvater sie jetzt nicht mehr brauchte.

Und bei mir hat sich die Hoffnung eingestellt, dass mein Großvater es durchs Nadelöhr geschafft hat.

Amen

Ihre Pfarrerin Judith Uhrmeister