Predigt zu Lukas 5, 1-11 Der Fischzug des Petrus

Predigt zu Lukas 5, 1-11 Der Fischzug des Petrus


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Elisabeth Schwab am Montag, 13. Juli 2020, 14:51 Uhr
© Peter Andersen

Lukas 5, 1-11          Der Fischzug des Petrus

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

 

 Und: was machen Sie beruflich?

 Ich bin Menschenfängerin von Beruf - wie klingt das in Ihren Ohren? 

Nicht im Ernst, oder? Das klingt alles andere als verheißungsvoll. 

Zumindest würde ich mich niemals allen Ernstes auf diese Art und Weise vorstellen, wenn ich nach meinem Beruf gefragt würde. Pfarrerin bin ich, Theologin - so würde ich antworten. Von Berufs wegen predige ich, vertrete die Kirche, versuche, für andere Menschen da zu sein,

lade sie ein, so würde ich mich erklären. 

Menschenfängerin. Wer lasst sich - außer spielenden Kindern - schon gerne fangen?

Eigenständige Menschen von heute, die lassen sich nicht fangen.

Religion ist kein Zwang und erst recht kein Fischernetz, in dem eine zappelnde Menge hilflos nach Luft schnappt.

Menschenfängerin - nein Danke! Das ist das eine.

 

Mit der beeindruckenden Nummer vom großen Fischzug des Petrus konnte Jesus damals gewiss die Fischer beeindrucken –und die Dorfbevölkerung am See Genezareth.

Die Kirchennetze hängen allerdings seit langem schon etwas schlaffund mehr leer als voll im Wasser. So viele Menschen wie noch nie haben den beiden großen Kirchen im vergangenen Jahr den Rücken zugewandt.Die Zahl der Austritte stieg auf mehr als eine halbe Million.

Ja, hin und wieder schwimmt jemand neues vorbei und fühlt sich wohl bei uns. Ja und etliche Treue sind weiterhin da. Wollen gemeinsam auf dem Weg zur Emmausgemeinde wachsen. Gemeinsam wollen wir hier in der Kirche Menschen eine Heimat bieten und wir wollen in all den Veränderungsprozessen zeigen, dass wir Platz haben, offen sind für die Menschen. Für Fragen, gemeinsames Nachdenken über das, was Gottes Wort für uns heute ist und wie es uns anspricht.  

Das ist in Zeiten, in denen wir allein in unserer Emmaus-Kirchengemeindedrei Gottesdienststätten aufgeben müssen eine große Aufgabe. Und in Zeiten, in denen die Kontaktmöglichkeiten so eingeschränkt sind auch. Das kommt hinzu. Ja, wir geben uns redliche Mühe. 

Fischer, Fischer - wie tief ist das Wasser - wie kommen wir darüber - und wie kommen wir an die Fische?  

In der Bibel ist wieder einmal alles anders und offensichtlich auch wesentlich einfacher. Jesus, der Wanderprediger, muss erst gar keine Menschen mühsam anwerben. Sie sind bereits da. Und dem Prediger wird es zu eng bei so vielen Zuhörern. Also steigt er in ein Boot und lässt sich hinaus rudern. In angemessenem Abstand redet er weiter zur Menge.

Die eigentliche Sensation aber vollzieht sich nicht vor Publikum, sondern unter Ausschluss der Öffentlichkeit. 

Wenn wir uns auf den Begriff des Menschenfängers einlassen, lohnt sich ein Blick auf dieses Zentrum der Geschichte. 

Der "Meister", wie ihn Simon Petrus nennt, begleitet seinen künftigen Jünger auf dessen Terrain, in seinen Alltag.

Nach der Lehre kommt nun die Praxis. Und die sieht folgendermaßen aus: Petrus und seine Kollegen haben Sorgen. Sie haben sich redlich abgemüht in ihrem Beruf, aber umsonst. Auch wenn Jesus kein Fischer ist, sondern Zimmermannnssohn aus Nazareth, die Not der Fischer hat er erkannt. Und durch seine vorherige Botschaft an die Menschen am Ufer muss er ihr Interesse geweckt und ihre Anerkennung gewonnen haben. Petrus lässt sich jedenfalls ein auf die Empfehlung des Wanderpredigers, eines Laien in Sachen Fischfang: "Auf dein Wort werde ich die Netze hinunterlassen." 

Mitten am Tage, in der heißen Mittagssonne, wo bekanntermaßen kein Fisch auch nur Anstalten macht, ins Netz zu gehen. Die Aktion ist von umwerfendem Erfolg gekrönt.

Ein Erfolg, der sich nicht vor den Augen der Massen abspielt, sondern hinter den Kulissen. Eine Handvoll Fischer hält nun mit aller Kraft die schweren Netze. Soviel Erfolg ist unheimlich. Für Petrus ganz klar überirdisches Wirken. Er bekommt Angst. Angst vor der Nähe Gottes. Ein ganz normaler Mensch bin ich - bekennt Petrus:

"Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!" Ein Mensch mit Fehlern und Schwächen und Unvollkommenheiten.

Doch so wie er ist, nimmt ihn Jesus. Er engagiert ihn. Es ist dabei nicht wichtig, wie, wo, wann und ob Petrus seinem verantwortungsvollen Auftrag,  den er nun erhält, nachkommen kann. "Du wirst!" – "Du wirst von nun an ganz großen Fang machen. Menschenfang." 

Wie fangen wir - die wir doch in der Nachfolge dieses Jesus von Nazareth stehen, Nachfolger des Petrus, wie fangen wir Menschen?  

Ich kann mich bei allem Bemühen der Annäherung nicht an diesen Begriff gewöhnen. Menschenfänger - das behagt mir nicht.

Doch Menschen dafür gewinnen, dass sie - und wenn es nur für einen Augenblick ist – ihre Ohren öffnen für die Botschaft, die uns wichtig ist, das möchte ich. Ich möchte kein Netz spannen, in dem sie einfach hängen bleiben.  

Doch ein Netz erfüllt ja auch noch einen anderen Zweck.

Ein wenig frei und unbekümmert erlaube ich mir hier, mit den Bildern zu spielen, denn nicht im Wasser hängt mein Netz - eher ist es in der Luft gespannt. Direkt über dem Boden vermag es, Menschen zu fangen - aufzufangen, die das Gleichgewicht verloren haben. Und wer sich in den luftigen Höhen des Lebens bewegt, balanciert konzentrierter, sicherer über das Seil mit dem Wissen: Mir kann nichts passieren, ich lebe mit Netz und doppeltem Boden.

Mehr als spektakuläre Aktionen, öffentlichkeitswirksame Fernsehauftritte und hohe Einschaltquoten, mehr als spektakuläre Kirchenein- oder austrittszahlen, mehr als professionelle Menschenfischer zieht dieses Lebensgefühl den Fisch an Land, den Menschen in die Lüfte:   Mein Leben hat diesen doppelten Boden, dieses Netz, das mich auffängt und in der Krise nicht dem freien Fall überlässt.

Es wird gehalten von dem, der sich selbst als guter Hirte sah, der jedem Einzelnen nachgeht, nicht der erfolgversprechenden Masse. Fest gespannt ist dieses Netz durch ihn und meine Gefährten – für Petrus die Fischerskollegen, für mich die Gefährtinnen und Gefährten im Glauben.

Wir hängen nicht ab von Erfolg oder Misserfolg unseres Alltages. An Ausstrahlung und Unterhaltungswert misst sich unser Wert nicht. Die Attraktivität unseres Glaubens, das ist unser Lebensgefühl. 

Und hier sollten wir uns vom Predigttext ruhig hinterfragen lassen: Der routinierte Fischer Petrus lässt seine Erfahrungen, auch seinen Misserfolg hinter sich. Er hört mit offenen Ohren auf die Stimme Jesu. 

Mit Zuversicht anstatt mit Besserwisserei, Resignation oder Verbohrtheit reagiert er auf dessen Anweisung: "Auf dein Wort hin werde ich die Netze ins Wasser hinunterlassen!" Das heißt so viel wie: Ich versuch's noch einmal. Ich gebe mir und meiner Umwelt eine neue Chance.

Ich glaube, es kann gelingen. 

Ein solches Verhalten kennen wir von Kindern. Wie selbstverständlich ermutigen wir unserer Kinder: "Du kannst das - mach das, versuche es."  Tag für Tag.

Und wie oft gönne ich mir dagegen selber den Zuspruch Gottes, seine Zusage und Zuversicht, dass ich mein Leben gelassen und offen angehen darf. Wie oft sage ich tatsächlich:

"Eigentlich glaube ich nicht daran, dass das ganze Unternehmen von Erfolg gekrönt sein wird - trotzdem: "Auf dein Wort hin werde ich die Netze ins Wasser hinunterlassen!" 

Lebe ich selbst in der Gewissheit dieses tragenden Netzes unter den Füßen, das mich Selbstvertrauen entwickeln lässt?

"Fürchte dich nicht!" – diesen Satz ruft Gott uns zu – aus der Tiefe,

neben uns, über uns. "Fürchte dich nicht!" – dieses Lebensgefühl wollen wir versuchen weiter zu vermitteln. "Wir fürchten uns nicht. Und auf dein Wort hin werden wir die Netze ins Wasser hinunterlassen."  

Das möge unsere Zuversicht, unsere Ausstrahlungskraft, und unsere Überzeugungskraft sein.