Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis zu Lk 8,4-8

Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis zu Lk 8,4-8


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Judith Uhrmeister am Sonntag, 19. Juli 2020, 00:00 Uhr
© pixelio

Liebe Leserin, lieber Leser!

Haben Sie sich schon mal gefragt, wie ein Sämann sät? Wahrscheinlich nicht.

Aber vielleicht könnte es helfen, das Evangelium, um den Zuspruch, zu verstehen, der im Gleichnis vom Sämann steckt.

Lassen Sie sich mit mir auf einen kurzen Ausflug in die Botanik ein.

Es gibt unterschiedliche Weisen zu säen. Mit der Hand oder mit der Maschine. Großflächig oder einzelne Samen.

Aber drei Bestandteile gehören immer dazu: Es braucht immer einen der sät, es braucht eine Saat, es braucht einen Boden, damit aus dem Samen etwas wachsen kann.

Und beim Säen gibt es immer den Moment, in dem das Saatgut quasi den Besitzer wechselt. Der Moment, in dem derjenige, der sät, der Sämann, die Saat freigibt, damit er in die Erde fallen kann.

Der Sämann im Gleichnis, heißt es, geht aus, zu säen seinen Samen. Und während er sät, fällt das eine auf den Weg. Er läuft also und sät und während er das tut, fällt das eine auf den Weg, und anderes fällt auf Fels. Ein anderes fällt in die Mitte von Dornen. Und anders fällt auf gute Erde.

Wenn er das gemacht hat, ist sein Job eigentlich zu Ende. Gesät ist.

Jetzt übernimmt der Boden, auf den die Samenkörner fallen, die

Arbeit. Und die verschiedenen Böden, nehmen die Saat unterschiedlich auf, sagt das Gleichnis: Das eine fällt auf den Weg, wird zertreten, und die Vögel des Himmels fressen es. Und ein anderes fällt nieder auf den Fels, und geht es auf, vertrocknet es, weil es nicht genügend Feuchtigkeit bekommt. Ein anderes fällt in die Mitte von Dornen, wenn es aufgeht, ersticken es die Dornen. Und anderes fällt auf gute Erde, und die Pflanze, die aus dieser Erde wächst, trägt hundertfache Frucht, also unvorstellbar viel mehr als normal.

*

Der Same ist das Wort Gottes, sagt Jesus. So kommt es in die Welt. Wie eine Saat, die nur dann wachsen kann, wenn sie auf gute Erde fällt.

Wenn wir der Logik dieses Gleichnisses folgen, dann sät Gott sein Wort, in dem er es in etwas hinein gibt. In der Logik dieses Gleichnisses ist es ihm wichtiger, dass sein Wort sich selbst entfalten kann. Dass es sich mit dem Boden, auf den es fällt, verbinden und ein ganz eigenes Gewächs daraus entstehen kann.

Gewächse so wie Sie alle eines sind. Pflanzen mit prächtigen Früchten, die das Wort Gottes hören und erzählen. Bei Ihnen ist die Saat Gottes, sein Wort, auf guten Boden gefallen, sonst würden Sie sich nicht damit beschäftigen. Egal ob die Pflanze ihres Glaubens klein und zart oder groß uns stabil ist, sein Wort hat bei Ihnen einen guten Boden gefunden.

Man erkennt den guten Boden an der Frucht, sagt das Gleichnis. Der Sämann selbst kennt die Qualität des Bodens im Moment des Säens nicht.

Und das ist gut so, denn sonst könnte sein Same nicht an Orte fallen, von denen wir Menschen denken würden: hier wächst Nichts! Hier kann gar nichts gedeihen.

So wie in dieser wahren Geschichte:

*

Die Geschichte eines jungen Mannes aus dem Iran. Ich nenne ihn Amir; seinen echten Namen zu verraten, wäre zu gefährlich.

Amir ist ein junger Mann. Ein Iraner. Er ist Christ. Das war er nicht immer. Er ist traditionell, in muslimischem Glauben aufgewachsen und erzogen. Irgendwann befallen ihn Zweifel; er fängt an, sich umzuschauen; sich auf die Suche zu machen und findet Kontakt zu Christen. Er trifft sich mit ihnen im Park, unterhält sich; nimmt an Hauskreisen teil. Sie finden versteckt und heimlich in Privatwohnungen statt. In einem Land wie dem Iran seinen christlichen Glauben zu leben, ist ein Spiel mit dem Feuer, sagt er.

Bei einem dieser Bibelstunden werden sie erwischt: zwei Männer des iranischen Geheimdienstes stehen vor der Tür und nehmen Amir und die anderen versammelten Gemeindemitglieder in Haft. Sie kommen in ein Gefängnis. Sie werden aufs Schlimmste verhört, gedemütigt, gefoltert und verletzt. Der Grund: Sie sind Christen.

Für die Regimeanhänger scheint Amir und sein christliche Gemeinde eine Bedrohung zu sein. Sie werfen ihm Gefährdung nationaler Sicherheit und Propaganda gegen die Regierung vor.

„Man ist ganz allein“, berichtet er, „kein Anwalt, oder irgendeiner, der einen vor solch einem Verhalten schützt.“

Als ich Amir erzählen hörte, dachte ich: wie mag dieses schöne Sämanngleichnis in seinen Ohren klingen? Wenn man mit dem Wort Gottes solche Gefahren riskiert:

Der Sämann ging aus, zu säen seinen Samen; einiges viel auf gute Erde...

Klingt seine Geschichte nicht eher nach verbrannter Erde? als nach guter Erde?

Ein Mensch, der alles, was er hat verliert; dem unvorstellbare Grausamkeiten und himmelschreiendes Unrecht widerfährt; der verfolgt wird, weil er seinen Glauben lebt. Selbst wenn der Same Gottes in Amir irgendwann herangewachsen ist, diese Situation spätestens müsste doch alles in ihm abgetötet haben. Er müsste doch längst das Vertrauen in Gott verloren haben.

So denke ich es mir, aber Amir erlebt es anders:

„Das Einzige“, sagt er, „Das Einzige, was einem bleibt, ist der Glaube. In solch einer Situation brauchst du einen Glauben, auf den du dich fest gründen kannst. In solch einer Situation achtest du sehr darauf, dass du ihn nicht verlierst. Ich wollte nicht verlieren, was ich besitze. Ich gebe meinen einzigen Besitz nicht auf.“

Der Sämann sät seinen Samen und während er sät, fällt etwas davon auf gute Erde und trägt hundertfache Frucht.

Gottes Wort hat Amir irgendwie erreicht. Gottes Same, sein Wort, ist in Amir gefallen. Es findet guten Boden in ihm; und nicht nur in ihm. Trotz der Gefahr findet Amir Gleichgesinnte. Das Wort Gottes wächst und bringt hundertfache Frucht. Amir nimmt Gott bei seinem Wort. Und er nimmt es ernst. Er hält an ihm fest, obwohl sein Leben auf dem Spiel steht. Er setzt alles auf eine Karte. Und er wird belohnt mit einem Gefühl größtmöglicher Freiheit in einer Situation ärgster Bedrohung.

„Sie können mir alles nehmen, aber nicht meinen Glauben, nicht meinen Gott. Auch nicht, wenn sie mich töten“

Nach einer dreijährigen Gefängnis- und Fluchtodyssee gelingt Amir die Flucht nach Europa, wo ihm endlich Asyl gewährt wird.

Aus dieser Erfahrung heraus sagt er: „an Christen habe ich die folgenden Rat:

just pray, it works. einfach beten, es ist wirksam. Es funktioniert tatsächlich. Was wir sagen, was wir befehlen, was wir uns von Gott erbitten, hat wirklich einen Effekt. Es macht etwas aus.

Unsere Worte haben ihre eigne Wirkung.“

*

Für mich war das wie eine Predigt für uns hier und heute.

„Ich bitte euch“, sagt er: „einfach beten, es ist wirksam“

Ich finde, damit erzählt Amir das Gleichnis vom Sämann auf beeindruckende Weise weiter:

Gott ging aus, zu sagen sein Wort und während er es sagte, hörte ein Mensch sein Wort; nahm es auf. Das Wort wuchs in dem Menschen heran; es wurde eine ganze Geschichte, sein Lebensgeschichte; und der Mensch erzählte sie Gott; Und Gott nahm die Worte des Menschen bei sich auf und streute sie aus in die Welt.

Es geschieht. Es ist keine alte romantische gute Nachtgeschichte, damit Kinder besser schlafen.

Der Sämann sät seinen Samen und während er sät, fällt etwas davon auf gute Erde und trägt hundertfache Frucht.

Vielleicht sind unsere Gebete unser Antwort darauf, dass Gottes Wort in uns wirkt; dass sein Wort in uns auf guten Boden gefallen ist und es wachsen kann.

Und nicht nur die guten, dankbaren Gebete, sondern alle Gebete, auch die, die aussprechen, dass wir sein Wort nicht verstehen. Er hat sein Wort in die Welt gesät, er will wissen, was daraus wird.

Vielleicht sind wir, indem wir beten, indem wir uns Gott anvertrauen, die Stimme hier auf der Erde, die sein Wort zum Klingen bringt.

„Einfach beten, es ist wirksam“, weil wir die gute Erden sind, in die das Wort Gottes wächst und Frucht trägt.

Wir sitzen nicht in einem iranischen Gefängnis, und wir werden auch nicht für unseren christlichen Glauben staatlich verfolgt. Aber die Erfahrung, dass in eigentlich unmöglichen Situationen etwas Prächtiges heranwächst, diese Erfahrung kennen wir. Das Gefühl, dass alles im Leben schief läuft, man nur noch schwarz sieht, und plötzlich auf einen Menschen trifft, der einem Auftrieb gibt, der einem das Licht anmacht, um den eigenen Weg wieder sehen zu können.

Sie alle sind Trägerinnen und Träger von Gottes Wort. Was Sie Gott im Gebet sagen, verändert etwas in der Welt. Es lässt das Wort Gottes laut werden, so laut, dass es Menschen in Bedrängnis in ihrem Glauben stärkt.

Amen