Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis (26.7.2020): Hebräer 13,1-3

Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis (26.7.2020): Hebräer 13,1-3


# Aus dem Pfarrteam
Veröffentlicht von Peter Andersen am Sonntag, 26. Juli 2020, 11:00 Uhr
© Andersen

Liebe Leserinnen und Leser,

biblische Texte sind erstaunlich. Sie sind alt – scheinen wie aus einem anderen Kosmos in unsere Zeit transportiert zu sein. Auf dem ersten Blick sind oft weit, weit weg.  Und dann entfalten sie selbst eine eigene Dynamik und sind gegenwärtig im wahrsten Sinne des Wortes: weil sie sich in ihrer unerwarteten Aktualität aufdrängen.  

Jetzt genau für uns – für unsere Zeit. 

Im heutigen Fall – bei dem für diesen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext aus dem Brief an die Hebräer – schärfen die Zeilen den Blick für unsere Gegenwart:

Haltet fest an der Geschwisterliebe! Vergesst nicht die Gastfreundschaft, denn durch sie haben einige, ohne es zu wissen, Abgesandte Gottes beherbergt. Gedenkt der Gefangenen als Mitgefangene, und gedenkt der Misshandelten, weil ihr auch noch in euren Körpern lebt. 

Den Blick schärfen!

Warum?

Wir leben in einer sehr anstrengenden Zeit, in der so viele Probleme unübersehbar uns zu Füßen liegen. Probleme, die alt sind. Probleme, die durch diese Pandemie offen gelegt werden…wie eine offene Wunde. 

Und eines dieser Probleme ist der Rassismus - diese Grundübel unserer Menschheit - in seinen vielen und oft so subtilen Spielarten. 

„Black Lives matter“ - dahinter steckt sehr viel mehr als wir vielleicht meinen: es ist der Aufschrei angesichts dessen was Menschen nicht nur schwarzer Hautfarbe erleiden mussten und immer noch erleiden – nur weil sie in den Augen anderer eben anders erscheinen. 

Auch in diesem Land.

Wo stehe ich ? Wo stehen wir? Als Gemeinde? Wie positionieren wir uns? 

In dieser Zeit?

Der Mensch, der oder die diese Zeilen an die Hebräer formuliert hat – irgendwann zum Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung – schärft für diese Fragen unseren Blick. 

Drei Dinge werden angesprochen:

  • Standhalten

Haltet fest an der Geschwisterliebe!

Dieser kurze Appell sagt mehr aus als es vielleicht erscheint. 

Haltet fest!

Dieser Appell markiert, dass wir Menschen die Geschwisterliebe aus den Augen verlieren können – dass wir Klischees, Vorurteilen und damit verbunden den in uns tief sitzenden Ängsten schnell erliegen können – wir dann nur noch an uns selbst denken – uns abgrenzen.

Wir sind da anfällig – korrumpierbar von Natur aus.

Anders formuliert: „Ihr erlebt so viele, die sich über andere erheben, weil sie anders aussehen… die dann einfach auf Kosten anderer ihr Ding durchziehen – hetzen, verunglimpfen: sei es gegenüber Menschen, die hier leben, geboren und aufgewachsen sind – oder sei es gegenüber Menschen, die in dieses Land auf ihrer Flucht kommen. Aber lasst Euch nicht davon beirren. Haltet fest an der Geschwisterliebe!“

Geschwisterliebe ist der Ausdruck für das, was im Gebot der Nächstenliebe uns angeboten wird: Liebe Deinen Nächsten/Deine Nächste, denn er/sie ist wie Du. 

Jedes menschliche Wesen ist mir gleich - weil der/die andere so ist wie ich selbst. Ohne Ausnahme. Alle sind von Gott geschaffen – mit den gleichen grundmenschlichen Bedürfnissen: und dazu gehört,  nicht verunglimpft, verhöhnt oder beschimpft zu werden.

Insofern politisiert uns dieser Hebräerbrief – ob wir wollen oder nicht -, weil er uns das Wunschdenken nimmt, wir könnten in dieser Zeit Probleme ausblenden – bräuchten uns nicht zu positionieren. 

  • Mit anderen Augen

Entsprechend geht es auch um einen Perspektivenwechsel: 

Vergesst nicht die Gastfreundschaft, denn durch sie haben einige, ohne es zu wissen, Abgesandte Gottes beherbergt.

Was wäre wenn wir z.B. in denen, die in unserem Land um Asyl bitten, nicht einfach als Asylsuchende oder als Fremde sehen würden? Sondern sie als Abgesandte Gottes verstehen würden?

Das ist ein provozierender Gedanke. Und ein hilfreicher! Weil diese Gedanke uns hilft, den Hilfe suchenden Menschen als Menschen zu erkennen – als Geschöpf Gottes. Als jemanden, der uns als Mensch gleicht. 

Perspektivenwechsel.

Das ist auch ein Schärfen des Blickes. Anders zu sehen.

Dafür worum es geht: um Humanität.

Asyl zu gewähren ist nicht umsonst DIE Nagelprobe, ob eine Gesellschaft sich noch „human“/“menschlich“ nennen darf. Asyl so, dass die Schutz gefunden haben, bei uns stressfrei sein können.

Und in einer Welt der großen Flüchtlingsbewegungen kommen wir um diese Nagelprobe nicht herum.

  • Empathie

Es geht immer um eine innere Haltung  - und das wird in dem letzten Satz des Predigttextes zugespitzt:

Gedenkt der Gefangenen als Mitgefangene, und gedenkt der Misshandelten, weil ihr auch noch in euren Körpern lebt.

Entscheidend ist für mich die Begründung: … weil ihr auch noch in euren Körpern lebt….als Mitgefangene.

Denn: Ihr könntet es auch sein. 

Nicht nur Perspektivenwechsel, sondern auch die Aufforderung, sich in die, die leiden, hineinzuversetzen.

„Ihr könntet auch in eine solche Situation kommen. Denn nur weil Ihr hier in einem demokratischen Land lebt, das vergleichsweise sehr hohe Standards hat...ein funktionierendes Gesundheitssystem vorhält…niemanden verhungern lässt… nur weil Ihr hier lebt, habt Ihr vielleicht Glück. Aber Ihr könntet auch woanders zu den politisch Verfolgten gehören – zu denen, die ohne Anklage oder Beistand in überfüllten Gefängnissen verzweifeln – zu denen, die aufgrund ihres Hautfarbe, ihrer Herkunft ihres Geschlechtes oder ihrer Sexualität misshandelt werden…die deshalb Schutz brauchen.

Und was wäre wenn Ihr als Mensch mit schwarzer Hautfarbe geboren wärt - hier in diesem Land? Wenn Ihr von klein auf hättet lernen müssen, mit einem latenten Rassismus aufzuwachsen - mit Anfeindungen?

Ich könnte es auch sein.

Es geht um Empathie.

Das ist anstrengend. Auch sehr belastend. Wenn jemand nur ansatzweise versucht, sich in die Situation eines Menschen in Not hineinzuversetzen…in seiner Vorstellung die Angst…die Verzweiflung an sich herankommen lässt. 

Sich berühren lässt von Geschichten, Erlebnissen – den Schmerz eines anderen Menschen aushält. 

Das ist nicht schön.

Trotzdem: ich könnte es auch sein – wenn ich hier oder in einem anderen Land – nicht weiß – nicht priviligiert – ungeschützt leben würde.

Ich könnte es auch sein.

Und so geht es um eine Haltung – eine innere Haltung, mit der mir dieser biblische Text auf den Leib rückt. Damit ich nicht meinen Blick abwende.

Damit mich das Gegenüber berührt.

Jedes Leben zählt. Und daher gilt es, sich den Opfern zuzuwenden. 

Sich denen zuzuwenden, die leiden. Und sich abzuwenden von dem, was Opfer/was Leid produziert. Jede Form von Rassismus ist Sünde.

Sünde gegen Gott selbst, der alle Menschen geschaffen hat.

Als Christenmenschen können wir nicht anders als uns zu positionieren: für die Humanität!

Amen.


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